Wann beginnt die Lebensphase des Alters? Da gibt es wohl keine allgemeingültige Aussage, jeder empfindet das etwas anders. Für mich war der Rentenbeginn eine willkommene Neuausrichtung, verbunden mit einem mich tiefen Einlassen auf die bevorstehenden letzten Lebensjahre. Ich habe diesen Übergang sogar mit Familie und Freunden in einem kleinen öffentlichen Park in München gefeiert.

Ich bin dankbar, in einem Land zu wohnen, das uns ermöglicht, im beruflichen Ruhestand finanziell unabhängig zu bleiben und das Leben nach unseren persönlichen Vorlieben zu gestalten. Ich kann mir erlauben, frei und ohne Druck meine Bedürfnisse zu leben. Ich brauche nichts mehr aufbauen, ich brauche mir nichts mehr beweisen, ich kann mich noch mehr dem Fluss des Lebens hingeben und das genießen, was gerade ist.

Unser Körper ist einem natürlichen Alterungsprozess unterworfen

Körperliches Altern ist ein fortschreitender biologischer Prozess, der durch zelluläre Alterungsprozesse hervorgerufen wird. Er ist Teil des Lebens und hat nichts mit Krankheiten zu tun. Allerdings steigt das Risiko einer Erkrankung mit zunehmendem Alter, da die Leistungsfähigkeit und die Abwehrkräfte des Körper abnehmen, und manche Beeinträchtigungen, die vielleicht schon länger im Körper schlummerten, kommen jetzt stärker zum Vorschein.

Sichtbare Veränderungen unseres Körpers sind zum Beispiel graue Haare oder faltige Haut. Aber auch seine Kraft und Vitalität lässt nach, die Denkfähigkeit und die Sinneswahrnehmungen nehmen ab. Manches wird mühsamer und dauert länger als noch in jungen Jahren.

Es gibt aber auch Dinge, die wir positiv beeinflussen können. Ein solider und aktiver Lebensstil erleichtert es uns, unser Wohlbefinden möglichst lange zu erhalten.

Was diese Veränderungen wirklich bedeuten, wissen wir aber erst, wenn wir selber diese Erfahrungen machen.

Wie gehe ich damit um?

Man muss es akzeptieren, dass man die weitaus meisten Jahre des Lebens bereits gelebt hat. Das gilt selbst für diejenigen, die 100 Jahre oder älter werden. Fakt ist auch, dass es viele Menschen gibt, die bereits in jüngeren Jahren sterben. So sehe ich es auch als Geschenk und als Chance, dieses Leben in Würde abzuschließen.

Unsere Gesellschaft ist stark geprägt von der Annahme, dass die jungen Lebensjahre die besten sind.

Jede Lebensphase hat aber seine einmaligen Vorzüge und Besonderheiten, die es wert sind zu genießen. Je mehr wir uns darauf einlassen können, umso leichter fällt uns jeweils der Umgang damit. Je mehr wir zu uns selber und zu unserem Lebensabschnitt stehen, umso mehr können wir in Würde altern.

Das Alter bewusst leben und gestalten

Alt sein bedeutet nicht, gleichzeitig krank, pflegebedürftig, einsam oder arm zu sein! Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, diese letzte Lebensphase nach seinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten.

Viele ältere Menschen nehmen aktiv am Leben teil: Manche bringen zum Beispiel weiterhin ihr Wissen in einer beruflichen Tätigkeit oder in neuen Projekten mit ein, andere nehmen sich mehr Zeit für ihre Hobbys, engagieren sich ehrenamtlich oder kümmern sich um die Enkelkinder.

Andere gehen vermehrt auf Reisen oder erfüllen sich lange aufgeschobene Wünsche, treiben mehr Sport, machen ausgiebige Spaziergänge in der Natur oder beschäftigen sich mit Yoga und Meditation.

Wichtig ist aber auch, die sozialen Kontakte weiterhin intensiv zu pflegen sowie neue zu erschließen – und das nicht nur mit Gleichaltrigen. Mit einem Sprachkurs, einem Konzertabonnement, einer Teilnahme an einer Seniorengruppe sowie vielen, vielen anderen Möglichkeiten lernt man neue Menschen kennen und bringt gleichzeitig neuen Schwung in sein Leben.

Wie war mein bisheriges Leben?

Das Alter ist auch die ideale Zeit zum Reflektieren über sein bisheriges Leben. Es ist befreiend, sich die Wahrheit über sich selber einzugestehen.

Welche richtungsweisenden Entscheidungen habe ich die vergangenen Jahrzehnte über getroffen? Waren es gute Entscheidungen? Das genauer zu betrachten ist wichtig und die Voraussetzung, inneren Frieden zu finden. Selbst wenn ich manches, jetzt im Nachhinein betrachtet, anders machen würde, muss ich anerkennen, dass ich aus damaliger Sicht die bestmögliche Entscheidung getroffen habe.

Wenn ich krank bin, mit einer großen körperlichen Einschränkung lebe oder dauerhaft auf Hilfe angewiesen bin, ist es wichtig, mich damit auseinanderzusetzen. Was kann ich daraus lernen? Dies herauszufinden, gibt mir die Chance, mich darauf einzulassen und ein besseres, authentischeres Lebensgefühl zu entwickeln. Vielleicht gelingt es mir, trotz allem ein gutes Leben zu leben, indem ich Hilfe annehmen kann, ohne alles kontrollieren zu müssen. Ich kann mich mehr auf das konzentrieren und mich darüber freuen, was noch möglich ist, was ich noch tun kann.

Was möchte ich noch tun?

Es ist nicht unbedingt ausschlaggebend, möglichst alt zu werden, wichtiger ist es, nach seinen persönlichen Gegebenheiten ein erfülltes Leben zu leben. Jedes Alter hat seine eigenen Gesetze, die gelebt werden wollen und die wir genießen dürfen.

Wir können uns noch mit vergangenen Ereignissen aussöhnen, alte hinderliche Dinge in die Heilung bringen, alte Verstrickungen auflösen und verdrängten Groll loslassen. Alle unsere gemachten Erfahrungen können wir zu einem großen Schatz zusammen tragen.

Wir sind auch in der Lage, die Weichen neu zu stellen für einen guten, freudvollen Lebensabend. Das schließt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und dem bevorstehenden Tod nicht aus. Lebe ich meine Bestimmung, habe ich die Herausforderungen angenommen und gemeistert? Habe ich das Bestmögliche aus meinen Lebensumständen gemacht oder habe ich mir etwas vorgegaukelt?

Was fehlt noch? Habe ich meinen Lebenstraum gelebt oder hat er sich ganz woanders hin entwickelt? Bin ich zufrieden mit mir und meinem Leben. Vielleicht ist es sogar besser geworden, als mir bewusst ist?

Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“
Colette, französische Schriftstellerin (1873 – 1954)

Dieses Zitat liegt seit mehreren Jahren unter meiner durchsichtigen Schreibtischunterlage. Es wurde mir wieder bewusst, als ich den vorherigen Satz geschrieben hatte.

Was bleibt, was hinterlasse ich?

Vielleicht hinterlasse ich Geld und andere Besitztümer. Vielleicht habe ich etwas Besonderes erschaffen oder aufgebaut. Das alles erleichtert mir, mit einem guten und beruhigenden Gefühl die letzten Lebensjahre zu verbringen.

Aber gemessen werde ich wohl hauptsächlich daran, was für ein Mensch ich war.

Werden sich meine Familie und Freunde gerne an mich erinnern? War ich ein umgänglicher, fröhlicher Mensch mit einem offenen Herzen? Vielleicht war ich sogar in manchen Dingen ein positives Vorbild oder ein weiser Ratgeber?

Jeder Einzelne ist aber auch Teil einer globalen Weiterentwicklung der Menschheit. Jede nachkommende Generation hat die Chance und die Freiheit, die neu gewonnenen Errungenschaften zu nutzen und darauf weiter aufzubauen.

Lebensabschied

Je besser ich auf den Tod vorbereitet bin, umso leichter fällt mir der Übergang.

Vielleicht kann ich es spüren, wenn der Zeitpunkt naht, dann kann ich mich von der Familie und von Freunden verabschieden. Es ist ein gegenseitiges Loslassen, in Dankbarkeit für das, was gewesen ist.

Der physische Tod bedeutet den Körper hinter sich zu lassen und wieder eins zu werden mit dem Göttlichen, mit allem was ist; die Seele und der Geist kehren heim.